Glaub jetzt bitte nicht, dass meine Mit-Libellen bereitwillig aus dem Nähkästchen geplaudert haben, als ich sie nach ihren persönlichen Ups-Momenten gefragt habe. Umso dankbarer war ich, als sie’s dann doch getan haben. Es kostet Überwindung, sich hinzusetzen und zu überlegen: In welcher Situation habe ich als Mutter oder als Vater gründlich danebengelegen? Den Kolleg:innen mit älteren Kindern fiel das leichter: Je länger eine solche Situation zurückliegt, desto eher treten all die scheußlichen Gefühle wie Scham, Fassungslosigkeit über das eigene Verhalten oder Wut auf sich selbst in den Hintergrund, und der peinliche Ups-Moment verkapselt sich und wird im besten Fall zu einer Geschichte, über die man später lachen kann.
Mütter, die nicht basteln können
Weil meine Kinder teilweise schon erwachsen sind und wir uns bereits in dieser entspannten „Weißt du noch“-Phase befinden, habe ich den Anfang gemacht: „Ich war nie ein besonderes Basteltalent, aber bei der Einschulung meiner Tochter habe ich mich selbst untertroffen. Sie ist mein drittes Kind, ich hätte in der Zwischenzeit also durchaus wissen können, wie man eine Schultüte korrekt so zusammenklebt, dass sie NICHT bei der Feier in der Aula auseinanderfällt. Weil ich ganz sicher war, dass meine Tochter bestens klarkommen würde, habe ich nicht mal gleich mitbekommen, in welche Nöte sie dadurch geriet. Sie wusste nämlich, dass die Schultüte erst zu Hause ausgepackt würde, und wollte die Überraschung nicht verderben. Diese unheilige Kombination aus handwerklichem Versagen und mangelnder Fürsorge versetzt mir heute noch einen Stich, wenn ich daran denke.“
Väter, die probieren lassen
Die Tochter von Libelle-Herausgeber Frank Walber steht schon im Berufsleben, insofern liegt seine Geschichte ebenfalls länger zurück, und er hat zudem sofort eine Vision zum Thema Scheitern: „Ich sehe gerade eine Website vor mir, in der Eltern ihr Scheitern öffentlich machen können … sehr wahrscheinlich wird der Server schnell überlastet sein, weil sie endlich die Beichte ablegen können“, flachst er zur Einleitung. Darüber lässt sich durchaus nachdenken, denn ich glaube, es geht nichts über ehrlichen Austausch. Und hier kommt Franks Geschichte: „Ich habe meine Tochter nie dazu zwingen wollen, etwas zu essen, was sie nicht mag. Konnte ich mich doch nur zu gut an den Würgereiz erinnern, den ich als Kind zum Beispiel von Spargel bekam. Aber was ich immer gesagt habe: ‚Wenigstens probieren!‘, wenn sie etwas nicht kannte. Auf dem Geburtstag von Kollegin Tina gab es Aubergine, meine Tochter hatte das noch nie gegessen. Sie wollte auch nicht (bei der Farbe ja eigentlich kein Wunder), und ich habe wie immer gesagt: ‚Wenigstens probieren!‘ Es kam, wie es kommen musste, sie nahm es in den Mund und fing an zu würgen … Dass sie mir aber nicht das, sondern den Kuchen aus der Backmischung zu ihrem 18. Geburtstag immer noch vorwirft, lasse ich nur zu gerne geschehen.“
Nachsicht mit sich selbst
Das ist eine Erfahrung, die Eltern erwachsener Kinder teilen: An Dinge, die wir uns nur schwer verzeihen können, erinnern sich unsere Kinder teilweise nicht einmal mehr. Eigentlich super – offenbar haben wir im Großen und Ganzen unsere Sache doch einigermaßen gut gemacht. Aber, siehe Franks Backmischung, zu der er sicher nicht aus bösem Willen gegriffen hat ( wie ich ihn kenne, war sie sogar bio), und die ihm seine Tochter heute noch aufs Brot schmiert: Manchmal kränken wir unsere Kinder, ohne dass es uns bewusst ist. Oder unsere Kinder sortieren etwas später in ein neu gewonnenes Wertesystem ein und stellen Dinge in Frage, die uns und vielleicht auch ihnen damals, in diesem Moment, völlig normal und in Ordnung erschienen. Das kann wehtun und verunsichern – bringt uns aber weiter, wenn wir uns davon nicht angegriffen fühlen und uns dagegen verschließen, sondern gemeinsam neugierig auf das Ereignis schauen und fragen: Wie kam ich eigentlich darauf, so zu reagieren? Warum fühlte sich das damals richtig an? Oder: Warum hatte ich keine andere Wahl?
Läusepanik
Unsere Grafikerin Bettina Schipping denkt nicht gern an die Läusezeit zurück: „Ich habe meinem Sohn früher jeden Abend ganz eng und kuschelig vorgelesen. Als meine Tochter neu geboren war, kam er mit Läusen nach Hause. Ich bin total panisch geworden. Damals gab es nur so ein Medikament namens Goldgeist dagegen, das echt toxisch war! Ich war mir nicht sicher, ob ich mich damit auch behandeln kann, da ich stillte. Mein Sohn bekam die Brühe auf den Kopf und ich bin dann auf körperliche Distanz zu ihm gegangen, um mich und das Baby zu schützen. Was mir immer noch total leid tut! Generell bin ich wegen dieser immer wiederkehrenden Läuseproblematik pädagogisch wertlos unterwegs gewesen. Bin immer in den Panikmodus verfallen. Habe die Köpfe ständig kontrolliert. Die Kinder hatten sicher mehr Angst vor mir und meiner Reaktion als vor den Biestern!“
Alles im Griff?
„Pädagogisch wertlos“ unterwegs zu sein fühlt sich mies an und gehört doch zur Jobbeschreibung des Elterndaseins. Wenn du vor deinem Leben als Mutter oder Vater noch der Illusion erliegen konntest, Herr:in deines Schicksals zu sein, dann bröselt diese Haltung recht bald dank Schlafentzug gepaart mit der Erkenntnis, dass du jetzt wirklich für einen weiteren Menschen zunächst voll und ganz verantwortlich bist. Der vielleicht völlig anders tickt als du. Und ehe du dich’s versiehst, machst du Dinge, die du bei anderen vorher belächelt oder nicht verstanden hast. Du wirst lauter als du möchtest. Du bist besorgter, als du in hellen Momenten denkst sein zu wollen. Oder, um wieder auf die Läuse zurückzukommen, du steckst mal eben wie unsere Redakteurin Juliane Faller alle Kinder kollektiv mit Läusemittel auf dem Kopf in die Badewanne, um später festzustellen, dass das Mittel erst ab drei Jahren anzuwenden ist.
Darf ich ehrlich sein?
Juliane findet es gar nicht so einfach, sich mit Ups-Momenten auseinanderzusetzen, wenn man gerade noch mittendrin steckt: „Neulich wollte meine Tochter bei den Hausaufgaben Musik hören. Ich sagte ihr, erst Hausaufgaben, dann Musik. Sie ging in ihr Zimmer und schloss die Tür. Nach einer Weile sah ich nach ihr. Es lief sehr leise Musik. Sie sagte, sie könne sich so gut konzentrieren. Konnte ich verstehen. Mein Sohn fragte dann, warum sie denn jetzt Musik hören dürfe, ich hätte doch vorher Nein gesagt. Also ich zu ihm: ‚Weil ich vollkommen inkonsequent bin. Aber das erlebst du doch selbst jeden Tag, warum wundert dich das noch? Ups …“ Während ein Kind aus Familie A sich von offensichtlichem Zynismus völlig überfordert fühlt, versteht Kind B solche Bemerkungen von seinen Eltern oder älteren Geschwistern durchaus einzuordnen. Jede Familie hat ihre eigene Art, miteinander zu kommunizieren. Manchmal geht Kommunikation trotzdem gründlich daneben – aber weil man in den meisten Fällen die Rechnung mehr oder weniger unmittelbar präsentiert bekommt, lernen Eltern schnell, was ihren Kindern zuzumuten ist und was nicht.
Schnelle Bemerkung, lange Wirkung
So erzählt unsere Autorin Laura Rüther, wie sie mit flapsigen Bemerkungen einen wichtigen Raum zur No-go-Area gemacht und für schlaflose Nächte gesorgt hat: „Wir haben ein Gästeklo mit einem Luftschacht. Meistens ist das kleine Fenster zu. Als es aber einmal auf war und meine kleine Tochter raufklettern und gucken wollte, sagte ich zu meinen Kindern einfach lapidar und schnell: ‚In dem Schacht ist ein Monster!‘ Damit sie ja niemals selbst das Fensterchen öffnen und drei Stockwerke runterfallen. Seitdem wird das Klo gemieden … Noch so einen Fehler machte ich im Urlaub in Österreich. Wir hatten ein Paddelboot gemietet und waren auf dem Rückweg zum Anlegeplatz auf einem schönen See. Unter uns waren viele Algen. Meine 13-jährige Nichte mag Algen gar nicht und meine Kinder hatten sie schon zwischenzeitlich geärgert mit den Algen. Sie wollten ins Wasser greifen und wieder eine rausziehen. Halb aus Sorge, dass sie sich zu weit ins Wasser strecken, halb aus Spaß sagte ich: ‚Die Algen haben magische Kräfte und können ein Boot in die Tiefe ziehen!‘ Eine andere Nichte hatte dann Freude daran, weiter auszubauen, wie das Boot in die Tiefen des Sees gezogen wird, und zack – gerade meine Fünfjährige ist für solche Bilder nur zu empfänglich –, war die Panik groß und sie hatte noch länger danach schlechte Träume.“
Abendritual
Warum wir dir das alles erzählt haben? Damit du dich vielleicht in der einen oder anderen Geschichte wiederfinden kannst. Und dir erlaubst, deine eigenen Ups-Momente freundlich und mit Nachsicht zu betrachten. Vielleicht möchtest du sie als kleines Ritual vor dem Einschlafen noch einmal kurz Revue passieren lassen? Lass sie danach los, lass sie ziehen – morgen ist ein neuer Tag!