Stadtgeschehen

Rechtzeitig vorsorgen

Carolin Scholz · 04.11.2019

© Patrick Lohmüller / Photocase

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Was ist, wenn mal was ist? Das Thema „Vorsorge fürs Alter“ verschieben wir gern auf morgen. Dabei kann man gar nicht früh damit beginnen, das anzupacken!

Es ist eines dieser Themen, mit denen man sich lieber nicht befassen möchte. Eines, das man lieber auf irgendwann später verschiebt. Denn wenn es gerade gut geht, denkt man ungern daran, dass das nicht immer so sein muss. Für den Notfall, für eine schlimme Krankheit oder den Tod vorzusorgen, das ist was für ältere Leute, denken viele. Dabei kann man nicht früh genug klären: Was ist, wenn mal was ist?

Für Vorsorge ist es nie zu früh - findet Tanja Sowinski. Sie organisiert eine Veranstaltungsreihe zu diesem Thema, das viele lieber lieber später als früher angehen würden. Vor allem, wenn man Familie hat, sei es wichtig, den Ernstfall abzuklären, sagt sie. Als Mitarbeiterin im Zentrum plus der Caritas Wersten sieht Sowinski das immer wieder: Ihren älter werdenden Eltern helfen jüngere Leute oft beim Klären wichtiger Fragen. „Aber denkst du auch an dich?“ – die meisten schütteln dann den Kopf. Deshalb hat die Einrichtung in diesem Jahr eine neue Veranstaltungsreihe angeboten. Unter dem Titel „Vorsorge ist keine Frage des Alters“ erfahren junge und alte Interessierte alles rund um die verschiedenen Möglichkeiten, vorzusorgen und schwierige Fragen zu klären, bevor es ernst wird.

Vorsorge für den Ernstfall
Denn das machen noch nicht besonders viele. Eine Forsa-Umfrage von 2015 stellte fest, dass zwar immerhin 68 Prozent der Befragten mit ihrer Familie über Dinge wie eine Vorsorgevollmacht gesprochen, aber nur 32 Prozent die Fragen, um die es darin geht, geklärt haben. Ähnlich sehen die Zahlen bei Patientenverfügung oder Nachlass aus. Während die nun vielleicht wirklich Dinge sind, die im letzten Lebensabschnitt wichtig werden: Eine Vorsorgevollmacht kann jeder brauchen. Denn darin geht es darum, wer entscheiden darf, wenn man selbst nicht kann. „Viele denken, das macht dann eben der Ehepartner oder die Eltern. Das stimmt so nicht“, sagt Tanja Sowinski. Gibt es keine Vorsorgevollmacht, wird im Notfall gerichtlich ein Betreuer für den Patienten ernannt. Meist wird dafür eine nahestehende Person bestimmt – es kommt aber auch vor, dass ein Berufsbetreuer eingesetzt wird. Wer will, dass eine bestimmte, vertraute Person die Entscheidungen trifft, sollte das vorher festlegen.

Rechtzeitig Gedanken machen
Jemanden zu haben, der bestimmen darf, kann sich auch schon bei ganz harmlosen Dingen lohnen. Bei einer Routine-Operation etwa fällt den Ärzten etwas anderes auf, das direkt mit behandelt werden könnte. Wenn es niemanden gibt, der statt des Patienten entscheiden darf, müssen die Ärzte ihn aufwecken und nach seinem Einverständnis fragen. Umständlich. Der Fall kann aber tatsächlich auch weniger harmlos sein. Ein Unfall, ein Schwerverletzter. Was nun? Eine Studie der Uniklinik Hamburg-Eppendorf von 2017 zeigte, dass von den dafür fast 1000 befragten Intensiv-Patienten gerade einmal die Hälfte entweder eine Patientenverfügung oder eine Vorsorgevollmacht hatten. 39 Prozent derer, die nichts davon hatten, gaben an, sich noch nie Gedanken darüber gemacht zu haben. Das ist auch das Hauptproblem, findet Tanja Sowinski. Dass man das Thema so gern weiter hinausschiebt, sich lieber keine Gedanken darüber macht. „Familie und enge Freunde stehen nach einem Unfall ohnehin unter Schock“, sagt Tanja Sowinski. Und dann sollen sie noch so schwierige Entscheidungen treffen? Die, über die man sich selbst vorher keine Gedanken machen wollte?

Eigenen Willen formulieren
„Den eigenen Willen kann nur ich selbst formulieren“, sagt Tanja Sowinski. Und den zu finden, sei ein Prozess, der im Inneren beginnt. Ihn dann festzulegen, da gebe es verschiedene Wege. „Man kann selbst etwas zusammenschreiben oder Formulare nutzen.“ Die gibt es zum Beispiel vom Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz, aber auch Versicherungen bieten Ordner und Vorlagen an. Darin werden die wichtigsten Eckpunkte abgefragt. Bei der Vorsorgevollmacht gibt man etwa am Anfang an, wen man bevollmächtigen möchte und kann dann ankreuzen, für welche Fälle das gilt. Darf die Person in allen Angelegenheiten entscheiden? Alle Krankheitsunterlagen einsehen? Entscheiden, wo ich untergebracht werde? Immer gibt es auch freie Zeilen, in die man selbst eintragen kann, wie man dieses oder jenes geregelt haben möchte.

Informationen griffbereit
Der nächste Schritt: Angehörige oder Nahestehende informieren, welche Dokumente es gibt und wo sie zu finden sind. Versicherungen und das Justizministerium bieten auch kleine Karten an, die man im Portemonnaie mit sich tragen kann – mit Namen und Adresse und der Info: Ich habe eine Vorsorgevollmacht, eine Patientenverfügung oder beides. Denn besonders bei Jüngeren rechnen Ärzte und Rettungskräfte nicht immer damit, dass diese vorgesorgt haben. Haben sie das, sollten sie sich auch regelmäßig ansehen, was sie festgelegt haben. Denn die Einstellung zu so wichtigen fragen, weiß Tanja Sowinskis, kann sich über die Zeit verändern.

Sicherheit für die Kinder
Zwar solle jeder ab 18 Jahren bestimmte Dinge klären. Seien aber auch Kinder da, werde es umso dringender. Über den schlimmsten Fall nachzudenken, nämlich den, dass beiden Elternteilen etwas passiert, das sei schwierig und doch wichtig. Aber: „Paten haben heute eher ein ideeles Amt. Und nicht immer gibt es Großeltern“, sagt Tanja Sowinski. Daher sollten sich Eltern unbedingt Gedanken darüber machen, wer sich um die Kinder kümmern soll, wenn beide Elternteile das nicht mehr tun können. „Wichtig ist dabei auch, die Kinder nicht zu entwurzeln“, sagt Tanja Sowinski. Wenn die Großeltern weit weg wohnen, seien sie vielleicht nicht die beste Wahl.

Große Erleichterung
Obwohl sie es wichtig findet, mit den Angehörigen gewisse Fragen zu klären – ob man mit den Kindern darüber sprechen sollte, welche Gedanken man sich so macht, sieht Tanja Sowinski kritisch: „Das kann natürlich Sorgen und Ängste hervorrufen.“ Zumindest wenn es nur ums Vorsorgen geht. Gebe es aber konkreten Anlass, bei einer schweren Krankheit etwa, die Eltern oder nahe Angehörige treffe, sei das anders. „Auch Kinder sollten die Chance haben, sich damit auseinanderzusetzen und vielleicht zu verabschieden", sagt Tanja Sowinski. Es gebe allerlei Hilfsmittel und Bücher, wie man solche Themen am besten anspricht. Auch in Beratungsstellen gebe es guten Rat. Das Thema Sterben und Krankheit sei ein Tabu – daran will Tanja Sowinski mit ihren Kollegen arbeiten. „Alles, was man im Vorfeld regeln kann, ist in der Akutsituation für die Familie entlastend“, sagt sie, „und es gibt ihnen die Zeit, die sie brauchen, mit der Situation zurechtzukommen.“ Eines habe sie außerdem immer wieder festgestellt: „Die, die sich darum gekümmert und Dinge festgelegt haben, waren danach total erleichtert.“

Kästen:
- Dokumente: Zum Vorsorgen gibt es verschiedene Dokumente. Mit der Vorsorgevollmacht kann eine Person bestimmt werden, die für mich entscheidet, wenn ich nicht kann. Das kann verschiedene Angelegenheiten betreffen – nicht nur medizinische. Die Patientenverfügung greift im medizinischen Bereich. Dort wird geklärt, mit welchen medizinischen Maßnahmen ich einverstanden bin und mit welchen nicht. Oft geht es hier um lebenserhaltende Maßnahmen. Tanja Sowinski empfiehlt, sich bei Unklarheiten an den Hausarzt oder Fachstellen zu wenden, die bei medizinischen Begriffen helfen können.

- Finanzielles: Auch die finanzielle Vorsorge ist ein wichtiges Thema – besonders für Familien. Mittlerweile gibt es zumindest technisch einfache Wege, Geld anzusparen und die Familie abzusichern, wenn auch der Nullzins dabei für Frust sorgt. Börsen-Muffel, die doch ein bisschen Rendite haben wollen, können in Sparpläne investieren. Dort werden monatliche oder auch einmalig größere Beträge eingezahlt – das Vermögensverwalter-Team legt das Geld dann mit dem vom Kunden gewählten Risiko an. Heutzutage sind die Geldanlagen per App und Online-Banking einseh- und steuerbar.

- Testament: Auch den Nachlass zu klären, gehört zu einer gründlichen Vorsorge. Außer man möchte, dass alles nach der gesetzlichen Erbfolge vererbt wird. Danach geht der Nachlass nach festgelegter Abfolge an die Hinterbliebenen – erst Ehepartner und Kinder, dann weiter entfernte Verwandte. Wer etwa möchte, dass nach dem eigenen Tod zunächst der Partner alles erbt, der entscheidet sich vielleicht lieber für ein Berliner Testament. Das kann zum Beispiel bei Wohneigentum wichtig sein – damit der Hinterbliebene mit Sicherheit im gemeinsamem Haus wohnen bleiben kann.

- Veranstaltungsreihe: In der Reihe „Vorsorge ist keine Frage des Alters“ geht es im Zentrum Plus der Caritas in Wersten um verschiedene Themen – Juristisches wie das Erben, alles rund um die Vollmachten und auch dazu, wie man mit seinen Angehörigen darüber spricht. Die Veranstaltungsreihe soll wahrscheinlich Anfang 2020 wieder stattfinden. caritas-duesseldorf.de

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